Zustand der Biodiversität in der Schweiz
In der Schweiz kam es zu den grössten Verlusten bei der Biodiversität im Zeitraum zwischen 1850 und 2000. Die Hälfte der Lebensraumtypen und ein Drittel der Arten gelten heute als bedroht L07. Die Hauptgründe für den Biodiversitätsverlust in der Schweiz sind:
- Überbauung und damit Versiegelung der Böden
- Zerschneidung und Fragmentierung der Lebensräume durch Infrastrukturen und Siedlungen
- Klimawandel
- Intensive Landnutzung (v.a. Grünlandbewirtschaftung, Pflanzenschutz und Düngung)
Feuchtgebiet: Etang de la Gruère JU
In der Schweiz sind tiefgelegene und bevölkerungsreiche Gebiete stärker vom Biodiversitätsverlust betroffen. Viele Böden sind hier überbaut, die Lebensräume zerschnitten und dazu befinden sich hier die produktivsten Flächen der Landwirtschaft. Besonders bedrohte Lebensräume sind Gewässer und Feuchtgebiete. Entsprechend gefährdet sind gewässerbewohnende Arten wie Fische, Amphibien oder gewisse Pflanzenarten. Doch es gibt auch gute Nachrichten. Manche Libellenpopulationen erholen sich und weisen einen positiven Trend auf.
Im Siedlungsraum hat die Versiegelungsrate wegen des dichten Überbauens von Flächen sowie des Trends zu vermeintlich pflegeleichten Plätzen («Schottergärten!») oder englischem Rasen zugenommen. Zwar wurden in den letzten 20 Jahren Grünareale aufgewertet oder neu angelegt – aber gleichzeitig auch viele Grünflächen versiegelt. Lichtemissionen in der Nacht und der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in privaten Gärten und öffentlichen Anlagen stellen weiterhin ein Problem dar.
Siedlungsraum Zürich (Shutterstock)
Bündner Alpen
Nutzungsänderungen gibt es auch in den Alpen. Touristische Aktivitäten und Infrastrukturen sowie der Ausbau von Wasserkraft oder andere Faktoren setzen die Biodiversität unter Druck. Die Landwirtschaft nimmt daher eine bedeutende Rolle zur Erhaltung der Biodiversität ein, indem sie mit Weidetieren Flächen offenhält.
In der Landwirtschaft können sich Nährstoffverluste und Pflanzenschutzmitteleinträge sowie die maschinelle Bewirtschaftung der Grünflächen negativ auf die Biodiversität auswirken. Mit einer optimierten Bewirtschaftung lässt sich dieser negative Einfluss verkleinern. Die gute Nachricht: Seit 2011 sind die Biodiversitätsförderflächen auf durchschnittlich 19.6 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche angestiegen. Obwohl heute damit grosse Flächen zur Verfügung stehen, zeigen diese noch nicht die gewünschte Wirkung. Dies zeigt, dass als nächsten Schritt in die Qualität dieser Flächen investiert werden sollte.
Der Zustand des Schweizer Waldes, der 32 Prozent der Schweizer Fläche ausmacht, ist insgesamt gut. Rund 40 Prozent der Tier- und Pflanzenarten in der Schweiz sind auf eine oder andere Weise auf den Lebensraum Wald angewiesen. Die verzeichnete Zunahme von Totholz ist besonders wertvoll, da es die Lebensgrundlage für viele Tiere ist L07.
Das Insektensterben
Drei Viertel aller Tierarten weltweit zählen zu den Insekten. Sie besetzen zahlreiche Schlüsselfunktionen in Ökosystemen. Insekten sind vom Verlust der Biodiversität besonders stark betroffen. Gefährdet sind vor allem spezialisierte Arten, die eng an einen bestimmten Lebensraum gebunden sind. Verändert sich dieser, sind sie rasch gefährdet. Dies hat zur Folge, dass seltene Arten noch seltener werden und bereits verbreitete Arten sich weiter ausdehnen.
Da es an flächendeckenden Informationen zur Veränderung der Gesamtmenge an Insekten (Biomasse) fehlt, geht man aktuell davon aus, dass die Abnahme der Insekten bei uns in einem ähnlichen Umfang wie in anderen europäischen Ländern stattgefunden hat. Entgegen der oft in den Medien verbreiteten Ansicht handelt es sich nicht um ein «allgemeines, globales» Insektensterben: Es gibt grosse Unterschiede je nach Insektengruppe und Region L09. Zu den Gewinnern gehören insbesondere wärmeliebende Arten (diese «Klima-Profiteure» erobern mit steigenden Temperaturen neue Gebiete) und sogenannte Generalisten (die nicht auf spezifische Lebensräume angewiesen sind und sich unter verschiedenen Umweltbedingungen zurechtfinden). Leider gehören dazu auch invasive Schadorganismen, die einheimische Arten zurückdrängen, Ernteerträge mindern oder gar Krankheiten auf Menschen und Tiere übertragen können.
Bisher waren der Verlust von Lebensräumen und Änderungen in der Landnutzung die Hauptgründe für das Verschwinden von Insektenarten. Inzwischen hat die Klimaerwärmung mit hoher Wahrscheinlichkeit einen ebenso grossen Einfluss auf die Insekten in der Schweiz L09.
Wärmeliebende Art: Schwalbenschwanz
Dukatenfalter kommen hauptsächlich in höheren Lagen (Mittelgebirgen und Alpen) vor. Die Populationen haben in den letzten Jahren abgenommen.
Die Westliche Weidenjungfer kam bisher vor allem im Mittelland vor. Nun hat sie sich in höheren Lagen leicht ausgebreitet (Agroscope, Felix Neff).
Vertiefung: Geschichte der Biodiversitätspolitik
Seit 2012 gibt es die «Strategie Biodiversität Schweiz», deren Ziele 2017 durch einen Aktionsplan konkretisiert wurden. Der Ursprung liegt im Nachhaltigkeitsgipfel von Rio de Janeiro im Jahr 1992, an dem auch die Konvention «Übereinkommen über die biologische Vielfalt» (Biodiversitätskonvention, CBD) gegründet wurde. Diese Biodiversitätskonvention trifft Grundsatzentscheidungen, welche die internationale Biodiversitätspolitik massgebend beeinflussen. Der letzte wichtige Meilenstein war die Verabschiedung des globalen Biodiversitätsrahmenwerks von Kunming-Montreal im Jahr 2022 mit dem Ziel, bis 2030 mindestens 30 Prozent der weltweiten Landes- und Meeresfläche für die Biodiversität einzusetzen («30 by 30») L12.
Daneben gibt es andere internationale biodiversitäts-relevante Abkommen, wie das Cartagena-Protokoll über die biologische Sicherheit oder das Ramsar-Übereinkommen für Feuchtgebiete mit Ziele und Massnahmen zur Erhaltung und Förderung der Biodiversität L12.
Die «Strategie Biodiversität Schweiz» legte in Anlehnung an internationale Abkommen 10 strategische Ziele fest, um die Biodiversität zu fördern, Brücken zwischen den verschiedenen Politikbereichen zu schlagen und Entscheidungsträgerinnen und -träger für die Problematik zu sensibilisieren. Der Aktionsplan 2017-2023 enthält konkrete Massnahmen, von denen die Mehrheit auf Kurs ist, aber ihre Wirkung noch nicht abschliessend beurteilt wurde. Der Bundesrat verlängerte daher die Laufzeit der ersten Phase bis Ende 2024 und beauftragte die Ausarbeitung des zweiten Aktionsplans für den Zeitraum 2025-2030 L13 L14.
In der Schweiz sind nicht nur Biodiversitätsziele im Rahmen der Strategie Biodiversität oder des Aktionsplans verbindlich. Insbesondere für die Landwirtschaft gibt es weitere Vorschriften und Ziele, wie der ökologische Leistungsnachweis (ÖLN) oder die Umweltziele Landwirtschaft (UZL). Einen Überblick über die wichtigsten globalen biodiversitätsrelevanten Konventionen sowie Strategien, Massnahmen und Ziele auf nationaler Ebene findet man im Zeitstrahl.
Übersicht über die wichtigsten globalen biodiversitätsrelevanten Konventionen sowie Strategien, Massnahmen und Zielen auf nationaler Ebene.
1992
international
Rio de Janeiro, Brasilien
Bis heute sind 196 Länder der Konvention beigetreten und haben sich verpflichtet, die biologische Vielfalt in ihrem Land zu schützen. Es sind keine konkreten Ziele vereinbart.
1992
international
1996
Schweiz
Ökologischer Leistungsnachweis (ÖLN)
Um Direktzahlungen für gemeinwirtschaftliche Leistungen zu erhalten, müssen Bauernfamilien den ÖLN erfüllen. Dieser gibt vor, dass auf mind. 7 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche Biodiversitätsförderflächen angelegt werden müssen. Für reine Spezialkultur-Betriebe wie z.B. Reben oder Obst sind es 3,5 Prozent.
2002
international
Johannesburg, Südafrika
Die Vertragsparteien verpflichten sich, bis 2010 den Biodiversitätsverlust signifikant auf globaler, nationaler und regionaler Ebene zu reduzieren. Kein Staat erreichte die festgelegten Ziele.
2002
international
2008
Schweiz
Umweltziele Landwirtschaft (UZL)
Die Bundesämter für Umwelt und Landwirtschaft legten Umweltziele für die Landwirtschaft (UZL) in 13 Bereichen fest. Einer davon ist die Biodiversität: «Die Landwirtschaft leistet einen wesentlichen Beitrag zur Erhaltung und Förderung der Biodiversität.» Die UZL haben kein Zeitlimit, sondern bilden einen stabilen Rahmen zur Erarbeitung von Grundlagen und die Umsetzung von Massnahmen.
2010
international
Nagoya, Japan
Die Vertragsparteien verabschieden den globalen Strategieplan für die Biodiversität 2011-2020 und die dazugehörigen konkreten «Aichi-Ziele». Bis 2020 wurde keines der Ziele vollumfänglich erreicht.
2010
international
2012
Schweiz
Strategie Biodiversität Schweiz
Die Strategie enthält zehn Stossrichtungen, z.B. die nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen, die Eindämmung invasiver gebietsfremder Arten oder die Vernetzung von Lebensräumen im Siedlungsraum.
2014
Schweiz
Agrarpolitik 2014-2017
Die Agrarpolitik legt Ziele zur Fläche, zur Qualität und der Vernetzung der Biodiversitätsförderflächen fest. Die Ziele wurden (teilweise knapp) erreicht.
2014
Schweiz
2017
Schweiz
Aktionsplan 2017-2023
Der Aktionsplan definiert konkrete Massnahmen zu den 10 Stossrichtungen der Biodiversitätsstrategie. Die Umsetzungsphase wurde bis 2024 verlängert.
2018
Schweiz
Agrarpolitik 2018-2021
Die Ziele der Agrarpolitik 2014-2017 werden in der Agrarpolitik 2018-2021 weitergeführt. Die Ziele wurden weitaus übertroffen.
2018
Schweiz
2021
Schweiz
Agrarpolitik 22+
Die Agrarpolitik 22+ wurde zwar sistiert, das darin festgelegte Biodiversitätsziel wurde dennoch übernommen. Zwischen dem ersten und dem zweiten Erhebungszyklus des Monitoringinstruments ALL-EMA (2015-2019 & 2020-2024) soll die Biodiversität auf den Biodiversitätsförderflächen erhöht und die Entwicklung auf den restlichen landwirtschaftlichen Flächen stabilisiert werden. Parallel dazu laufen die Arbeiten zur Weiterentwicklung der Agrarpolitik ab 2030, in deren Rahmen die Biodiversitätsziele überprüft und angepasst werden.
2022
international
Kunming, China / Montreal, Kanada
An der UN-Vertragsstaatenkonferenz (COP15) einigen sich mehr als 190 Staaten auf neue Ziele bis 2030 und 2050, um den globalen Verlust der Biodiversität zu stoppen und umzukehren. Bis 2030 soll weltweit mindestens 30 Prozent der Landes- und Meeresfläche für die Biodiversität gesichert werden («30 by 30»).
2022
international
2024
Schweiz
Erweiterung ökologischer Leistungsnachweis (ÖLN)
Das Parlament lehnte die neue Massnahme ab, welche die Bauernfamilien in der Tal- und Hügelzone mit mehr als 3 ha offener Ackerfläche verpflichten sollte, ab 2025 3,5% ihrer Ackerfläche als Biodiversitätsförderflächen auszuscheiden. Die Massnahme kann weiterhin auf freiwilliger Basis durchgeführt werden.
2025
Schweiz
2025: Aktionsplan 2025-2030
Die zweite Phase greift gezielt bestehende Defizite auf, um die Wirksamkeit der Arbeiten zu erhöhen. Inhaltlich nimmt der Aktionsplan Bezug auf das Biodiversitätsrahmenwerk (Kunming-Montreal; GBF). Besonderes Gewicht erhält zudem die qualitative Aufwertung und die Vernetzung von Lebensräumen.
2025
Schweiz
