Kapitel 3: Aktuelle Versorgungslage

Interview mit Hans Häfliger

Hans Häfliger
Hans Häfliger Vorsitzender der Geschäftsleitung der réservesuisse genossenschaft

Ernährungssicherheit: Wie stark ist die Schweiz vom Ausland abhängig? 
Die Ernährungssicherheit ist gemäss der FAO/UNO dann gegeben, wenn die Bevölkerung eines Landes jederzeit Zugang zu genügend und ausgewogener Ernährung hat. Woher die benötigten Lebensmittel stammen, ist in dieser Betrachtung sekundär. Je mehr Güter ein Land importiert, desto mehr muss es sich auf ein funktionierendes und stabiles internationales Handelssystem für diese Güter verlassen können. Die Schweiz ist stark vom Ausland abhängig. Wir verfügen verglichen mit dem europäischen Durchschnitt über wenig Landwirtschaftsfläche pro Person. Werden auch die für den inländischen Anbau und die Verarbeitung von Lebensmittel benötigten Ausgangsstoffe (Saatgut, Dünge- und Pflanzenschutzmittel, Maschinen, Betriebsstoffe, Verpackungsmaterial, usw.) berücksichtigt, steigt die Abhängigkeit vom Ausland zusätzlich!


Die Schweiz besteht zu einem Grossteil aus Naturwiesen und ist daher prädestiniert für die Vieh- und Milchwirtschaft.

Wie wichtig wird die Inlandproduktion in Zukunft noch sein?
Die inländische landwirtschaftliche Produktion und die inländische Verarbeitung dieser Rohstoffe tragen wesentlich zur Ernährungssicherheit bei. Die Schweiz besteht zu einem Grossteil aus Naturwiesen und ist daher prädestiniert für die Vieh- und Milchwirtschaft. Die Inlandproduktion produziert vor Ort, was umwelttechnisch ebenfalls ein Vorteil ist. Sie muss jedoch mit einem funktionierenden internationalen Handel von benötigten Gütern und Dienstleistungen kombiniert werden. Diese beiden Elemente gilt es mit einer systematischen Lagerhaltung zu ergänzen. Mit strategischen Reserven lassen sich allfällige Versorgungsengpässe überbrücken. Erst mit dieser Ergänzung ist der Zugang zu ausreichend Lebensmitteln jederzeit, d.h. auch in Krisenzeiten, sichergestellt. Die Inlandproduktion trägt wesentlich zur Versorgungssicherheit bei.

Welche Risiken für die Ernährungssicherheit werden künftig an Bedeutung gewinnen?
Auftretende Wetterextreme mit hohen Temperaturschwankungen oder Wassermangel dürften die Produktionsbedingungen der Schweizer Landwirtschaft vermehrt beeinflussen. Damit einher gehen Ernteschwankungen, die nicht nur die Schweiz betreffen werden. Die klimatischen Veränderungen können sich auch direkt auf Logistikkapazitäten auswirken, indem z. B. die Rheinschifffahrt aufgrund eines zu tiefen Wasserstands ausgesetzt werden muss. Ganz allgemein werden die Wertschöpfungsketten komplexer und die Gefährdungen vielfältiger. Risiken wie Pandemien oder wiederkehrende Energieknappheiten können die Ernährungssicherheit zusätzlich verschärfen.

Mit welchen Massnahmen können wir diesen Risiken entgegenwirken?
Dazu sind Aktivitäten sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene gefragt. Unter anderem braucht es Anstrengungen im Bereich der Forschung und Züchtung, damit unter diesen sich ändernden Gegebenheiten auch weiterhin eine substanzielle landwirtschaftliche Produktion möglich ist. Mit der Diversifizierung der Beschaffungsmärkte kann auf regionale klimatische Herausforderungen reagiert werden. In der COVID-19 Pandemie haben wir gesehen, dass die Konzentration der Anbieter und Monopolisierung in Grosskonzerne eine zusätzliche Abhängigkeit geschaffen hat. Dies dürfte mittelfristig zu Neuinvestitionen in relevante Produktionsanlagen führen. Wie bereits in der Vergangenheit gezeigt, lässt sich auch in Zukunft die Ernährungssicherheit der Schweiz gewährleisten. Dazu braucht es eine Inlandproduktion und einen funktionierenden internationalen Handel, welche mit einer strategischen Lagerhaltung zur Überbrückung von Versorgungsengpässen ergänzt werden. Damit dies gelingt, ist die Energieversorgung sicherzustellen, denn ohne funktionierende Energieversorgung ist die Ernährungssicherheit nicht gewährleistet.

logo fokus digital weiss

 

 

Schweizer Bauernverband
Laurstrasse 10
5201 Brugg

info@sbv-usp.ch
+41 (0)56 462 51 11